Auf der ersten Seite findet ihr eine ausführliche Analyse der Neonaziszene in Hamm. Einige Dinge sind nicht mehr ganz aktuell. Dies bitten wir zu entschuldigen, wir bemühen uns in nächster Zeit eine überarbeitete Version online zu stellen.
Immer noch aktuell ist der „Aufmarschsplitter Hamm“ den ihr auf Seite 2 finden könnt.

Neonazis in Hamm

Seit Mitte des Jahres 2003 fanden 11 neonazistische Demonstrationen und Kundgebungen statt. Jedes Mal zogen zwischen 10 und 200 Neonazis durch Bockum-Hövel oder die Innenstadt. Obwohl schon seit Jahren organisierte Strukturen bestehen, die auch immer wieder durch Demonstrationen in Hamm auf sich aufmerksam machen, wird dieses Problem in der Stadt selbst wenig diskutiert. Erst im Mai 2006, nachdem Mitglieder der Kameradschaft
Hamm mehrere Jugendliche während des City-Festes zusammen geschlagen hatten, bestätigt der Staatsschutz Dortmund, dass es in Hamm eine rechte Szene gibt. Jahrelang war dies geleugnet worden. Eine richtige
Kameradschaft gebe allerdings nicht, „allenfalls eine rechte Szene“, so Staatsschutzchef Jörg Lukat gegenüber dem Westfälischen Anzeiger. Eine Kameradschaft sei durch eine politische Struktur, die über viele Jahre gewachsen sei, gekennzeichnet, so Lukat
Dass es genau diese gewachsenen Strukturen in Hamm gibt, werden wir in diesem Text ausführlich darlegen. Wenn wir von Neonazi-Szene sprechen, dann wollen wir damit dem Umstand gerecht werden, dass neben der Kameradschaft Hamm noch weitere Kameradschaften und Projekte existieren, die sich aufeinander beziehen. Zudem wollen wir nicht unterschlagen, dass es in verschiedenen Stadtteilen Neonazi-Cliquen gibt, die auf die ein oder andere Weise mit der Kameradschaft verbunden sind, sei es aufgrund von Freundschaften, gemeinsamer Freizeitgestaltung oder den ähnlichen Interessen und Weltanschauungen. Es gelingt immer wieder dieses sympathisierende Umfeld in politische Aktionen einzubinden. Diese Gruppen, ihre politischen Aktionen und maßgeblichen Akteure werden wir im folgenden einer ausführlichen Analyse unterziehen.

Politische Aktionen vor Ort

Die Hammer Neonazi-Szene ist sehr aktionistisch. Immer wieder werden Demonstrationen angemeldet, Flugblätter verteilt oder irgendwelche kriegsverherrlichenden Denkmäler im „Ehrendienst“ geputzt. Eine ausgefeilte Strategie ist hinter den Aktionen nicht zu entdecken. Oftmals wird der Anschein erweckt, Aktionen werden nur durchgeführt, um später im Internet darüber berichten zu können. So erhofft man sich, die „Kameraden“ zu beeindrucken und die Antifa ärgern zu können. Trotzdem lässt sich manchmal eine Linie in den Aktionen entdecken. Es fällt auf, dass besonders der politische Gegner Ziel der Angriffe der Neonazis ist.

Aufmärsche ohne Ende

Wichtigster Ausdruck neonazistischer Politik in Hamm sind zweifelsohne die regelmäßig stattfindenden Aufmärsche. Eine Chronik findet ihr unter “Aufmarschspiltter Hamm” . Seit 2003 fanden elf Demonstrationen und Kundgebungen statt. Sie richteten sich fünf Mal gegen den politischen Gegner. Die Themen der anderen Aufmärsche variierten: Mal richteten sie sich allgemein gegen „Massenarbeitslosigkeit und Sozialabbau“, forderten die Freilassung inhaftierter Neonazis oder hetzten in antisemitischer Manier gegen Michel Friedmann.

Es gelingt ihnen mit den Aufmärschen aber nicht, an aktuelle Debatten anzudocken und über den Dunstkreis ihrer Szene zu mobilisieren. Selbst der Aufmarsch am 05.12.2005 unter dem Motto “Für ein würdiges Gedenken an die Opfer des alliierten Bombenterrors auf Hamm – Gegen einseitige Vergangenheitsbewältigung!” aus Anlass des Jahrestages eines alliierten Luftangriffes während des Zweiten Weltkriegs fand keine öffentliche Beachtung. Es gelang nicht an bestehende geschichtspolitische Diskurse, die nur all zu oft „deutsche Opfer“ in den Mittelpunkt rücken, anzuknüpfen, geschweige denn (rechts-konservative) BürgerInnen zu mobilisieren. Zu offensichtlich ist der Bezug auf den Nationalsozialismus, als dass die Neonazis als politische Akteure akzeptiert werden würden. Ebenso hinderlich ist der pseudo-radikale Gestus der Kameradschaft Hamm.

Doch bleiben die Aufmärsche nicht ohne Wirkung. Diese lässt sich sowohl nach Innen, also innerhalb der Szene, als auch nach Außen festmachen. Nach Innen schaffen die Aufmärsche für die TeilnehmerInnen eine umfassende Erlebniswelt. Sie dienen der Festigung der Szene, zelebrieren scheinbare Radikalität, Stärke und Aktionismus. SympathisantInnen und Mitglieder werden so bei der Stange gehalten, dem politischen Handeln wird Sinn und Ausdruck verliehen. Gleichzeitig dienen sie der Profilierung lokaler Gruppen und deren Kader, die sich so bewusst in Szene setzen können und Erfahrungen sammeln. Das hat dazu geführt, dass es schon lange nicht mehr nötig ist , für die Anmeldung von Demonstrationen auf bundesweite Nazigrößen wie Christian Worch zurück greifen zu müssen. Längst ist auch nicht mehr Unterstützung von außerhalb notwendig, z.B. durch Siegfried Borchert und die Dortmunder Neonazi-Szene. Mit Sascha Krolzig verfügen sie über einen erfahrenen Anmelder und Versammlungsleiter. Was allerdings die nötige Infrastruktur angeht, so wird noch immer Hilfe gebraucht. So stellt die Kameradschaft Dortmund regelmäßig ihren Lautsprecherwagen, einen grünen VW-Bulli mit Hammer Kennzeichen, zur Verfügung.

Nach Außen sollen die Aufmärsche nicht nur direkt für die Nazi-Positionen werben, sondern auch bewirken, dass Naziaufmärsche „Normalität“ werden. Neonazistische Positionen sollen als Teil des normalen Meinungsspektrums anerkannt werden. In Hamm haben sie dieses Ziel zumindest teilweise erreicht. Ein Naziaufmarsch löst keine Welle der Empörung aus und Widerstand lässt sich so nur schwer aufbauen. Unter Jugendliche sind neonazistische Positionen leider viel zu oft nicht mehr geächtet, sondern werden, obwohl meist nicht geteilt, so doch stillschweigend akzeptiert.

Saalveranstaltungen

Neben den regelmäßigen Kameradschaftsabenden organisiert die KSH gelegentlich auch Saalveranstaltungen. So traf man sich am 8. Januar, um die Aufnahme des Nationalen Widerstand Warendorf und des NPD KV Warendorf in das Kameradschaftliche Bündnis Hamm zu besiegeln. Am 22. April fand in der Hammer Gaststätte Westenschützenhof eine Veranstaltung des Aktionsbüro Westdeutschland statt, dessen einjähriges Bestehen gefeiert wurde. Dort redeten verschiedene „KameradschaftsführerInnen“ und der Alt-Nazi Otto Riehs. Sascha Krolzig schwadronierte in seiner Rede mal wieder darüber, dass man den „roten Pöbel“ aus Hamm vertrieben habe und war sich nicht zu blöd zu behaupten: „Hamm ist unsere Stadt“.

Blinder Aktionismus

Neben der Durchführung von Demonstrationen werden vor allem kleinere Aktionen gemacht: Parolen werden gesprüht, Aufkleber geklebt, Flugblätter verteilt und Transparente aufgehangen. Zu verschiedenen Jahrestagen, wie dem 8. Mai oder dem Volkstrauertag trifft sich die Kameradschaft Hamm an Denkmälern in Hamm hält dort von de Öffentlichkeit nicht beachtete „Heldengedenken“ ab: Man hält schwülstige Reden, wirft einen Kranz ab und säubert das Denkmal von Unkraut.

Immer wieder Gewalt

Seit Bestehen der Kameradschaft Hamm kommt es immer wieder zu körperlichen Angriffen und Sachbeschädigungen der Neonazis. Meist richtet sich die Gewalt gegen vermeintlich linke Jugendliche oder Institutionen, die sich gegen die Neonazis engagieren und deshalb als eine Bedrohung angesehen werden. Im Folgenden wollen wir einige dieser Gewalttaten dokumentieren.

Die Aufbruchstimmung und das Selbstbewusstsein der örtlichen Szene spiegelt recht eindrucksvoll ein Vorfall am 15. Januar 2004 wieder, der in völliger Überschätzung der eigenen Kräfte gänzlich außer Kontrolle geriet: 15 bis 20 Neonazis tauchten, mit Teleskopschlagstock und Transparent ausgerüstet, bei einer Informationsveranstaltung der Antifa Hamm auf, um diese anzugreifen. Man glaubte fest an die unangefochtene Vormachtstellung auf der Straße und hatte mit keinerlei Gegenwehr gerechnet. Panikartige Flucht war die Folge. Unter den Angreifern: Viele der heutigen StammaktivistInnen und Kader der Kameradschaft wie Dustin Guske, Christoph Drewer, die Brüder Dennis und Jens Möller, Sascha Krolzig, Steven Nüsken und Markus Nikolaus.

Wenig später, am 21. Januar wurde das Haus einer unbeteiligten Person, welche von den Neonazis für den Inhaber der Domain der Antifa gehalten wurde, mit Farbbeuteln beworfen und der Spruch „Anti- Antifa! Wir kriegen euch alle!“ an die Hauswand gesprüht. Eine Woche später wurden die Scheiben des Jugendzentrums Südstraße eingeworfen, weil man hier den Treffpunkt der Antifa vermutete. In der Stadt liefen in den folgenden Wochen kleine Neonazi-Grüppchen regelrecht Patrouille. Einige linke Jugendliche konnten meist nur knapp entkommen. Auch am 25. und 26. Januar 2004, als Neonazis, teils motorisiert, Linke durch die Straßen hetzten. Am 2. Februar schlugen drei Neonazis einen jungen Punker mit Teleskopschlagstöcken krankenhausreif. Am Rosenmontag, dem 23. Februar 2004, attackierten Neonazis erneut antifaschistische Jugendliche.

Beruhigte sich die Situation in Hamm zwischenzeitlich, kam es am späten Abend des 23. April 2004 zu einem erneuten Vorfall. An jenem Abend fand am alten Schützenplatz in Hamm-Werries eine Grillparty der Hammer „Kameraden“ statt, in dessen Verlauf es zu handfesten Auseinandersetzungen mit jugendlichen Migranten und Verletzten auf beiden Seiten kam.

Eine Informationsveranstaltung der Antifa Hamm am 4.Juni 2004 war für die Hammer Neonazi-Szene erneut Anlass, im Vorfeld braune Farbbeutel gegen das Gebäude der Gewerkschaft Ver.di zu werfen, in dem die Veranstaltung stattfand. Mit Drohmails versuchten sie der Sachbeschädigung Nachdruck zu verleihen. Allerdings ohne Erfolg, kam es doch am besagten Tag während der gutbesuchten Veranstaltung zu keinerlei Zwischenfällen.

Im Vorfeld des Aufmarsches im Januar 2005 verteilte eine Gruppe Neonazis Flugblätter im Hammer Westen. Als antifaschistische Jugendliche sie daran hindern wollten, zog einer der Neonazis eine Schusswaffe. Nach Angaben der Betroffenen soll es sich bei dieser Person um Jens Möller gehandelt haben. Glücklicherweise schoss dieser aber nicht, sondern zog es vor sich mit seiner Gefolgschaft zügig zu entfernen.

Im März 2005 ereigneten sich erneut zwei Vorfälle, die im direkten Zusammenhang mit den Demonstrationen Anfang des Jahres standen. So warfen Neonazis die Fensterscheiben des Grünen-Büros ein. Eine Woche später wurde die Hauswand mit Hakenkreuzen besprüht. Auch hier verschickten sie parallel dazu Drohmails, in denen die Beteiligung der Grünen an der Gegendemonstration zum Naziaufmarsch vom 26.Januar 2005 angeprangert wurde.

Am 5. Juli 2005 versuchte die Kameradschaft Hamm eine Veranstaltung der WASG zum Thema „Rechtsextremismus im Rampenlicht- Gegenstrategien der WASG-Antifa“ zu stören. So liefen 15- 20 Neonazis Sprechchöre skandierend vor dem Veranstaltungsortes auf, verschwanden allerdings auch wieder als sie sahen, dass die Veranstaltung von AntifaschistInnen geschützt wurde und die Polizei ihnen Platzverweise erteilte.

Anfang diesen Jahres kam es wieder zu einer ganzen Reihe von Gewalttaten der Neonazis. So schmissen sie die Scheiben von Wohnungen und Autos von angeblichen AntifaschistInnen ein. Während des City-Festes im Mai attackierte eine kleinere Nazi-Gruppe mehrmals linke Jugendliche und verletzte diese. Der folgenschwerste Angriff ereignete sich gegen 0.30 Uhr des 6. Mai. Zwei Jugendliche City-Fest-Besucher wurden von Neonazis angegriffen. Einer wurde mit einem Schlagring so schwer verletzt, dass er mehrere Tage im Krankenhaus behandelt werden musste. Er erlitt einen Jochbeinbruch, einen Augenhöhlenbruch und eine Kieferprellung. Einen Monat später verhaftete die Polizei den KSH-Kader Christoph Drewer. Er sitzt zur Zeit als Hauptverdächtigter in Untersuchungs-Haft.

Nazi-Strukturen in Hamm

Eine rechte Szene und Ansätze von organisierten Strukturen gibt es in Hamm schon seit vielen Jahren. Anfang der Neunziger Jahre waren vor allem Die Republikaner in Hamm führend. Sie zogen in den Stadtrat ein und machten bundesweit mir ihrem rassistischen Pamphlet „Hammer Report“ Schlagzeilen. Immer wieder kommt es in den folgenden Jahren zu Aktionen von Neonazis, vor allem zu Gewalttaten: 1993 griffen Neonazi-Skins das Asylbewerberheim an der Ostenallee an, am 14. März 1994 trat ein 17-jähriger Neonazi einen Obdachlosen beinahe tot und im Juli 1994 jagten 20-25 rechte Skinheads türkische MigrantInnen in einer regelrechten Hetzjagd über das Gelände des Freibads in Hamm-Werries. Auch in den folgenden Jahren kam es immer wieder zu Propaganda-Delikten oder Gewalttaten. Aber erst im Jahre 2003 traten Neonazis unter dem Label Kameradschaft Hamm (KSH) an die Öffentlichkeit.

Die Kameradschaft Hamm

Der Aufmarsch 2003 wurde noch federführend von älteren „Kameraden“ und Neonazis aus Dortmund geplant und durchgeführt. In den vordersten Reihen liefen aber auch schon diejenigen, die wenig später das Treiben der Kameradschaft Hamm bestimmen sollten. Die Kameradschaft hat sich im März 2003 gegründet und ist die wichtigste Neonazi-Gruppe in Hamm. Anfangs noch ganz dem Bild einer typischen Skinhead-Kameradschaft verpflichtet, orientiert man sich nun schon seit längerer Zeit an den sog. Autonomen Nationalisten. Die Bomberjacken wichen unauffälligeren Klamotten, statt kahl rasiertem Schädel sieht man immer wieder Neonazis mit längeren Haaren. Die Kameradschaft Hamm ist eine typische „Freie Kameradschaft“. Sie ist nicht formal organisiert, ist also kein Verein, gleichwohl ist sie streng hierarchisch. Als ihr „Führungskamerad“ gilt seit Anfang 2004 der 19-jährige Sascha Krolzig. Mit dem Umzug des Hammer Diedrich Surmann nach Dortmund kam es zu einer bedeutenden personellen Umstrukturierung. Surmann schien bis dahin eine Schlüsselposition in der Kameradschaft Hamm einzunehmen, liefen über ihn doch zahlreiche Kontakte, schon alleine deswegen, weil er zeitweise im Dortmunder Neonazi-Szeneladen „Buy or Die“ (heißt jetzt: „Donnerschlag“) arbeitete. Seit seinem Umzug ist er einer der Hauptaktivisten der Dortmunder Neonazi-Szene. Zusammen mit seinem Mitbewohnern gehört er zur Gruppierung Autonome Nationalisten Östliches Ruhrgebiet bzw. Freie Kräfte Dortmund. Krolzig hat mittlerweile Karriere in der Neonazi-Szene gemacht: Durch Präsenz auf den meisten Demonstrationen hat er sich hochgearbeitet. 2004 hielt er seine erste Rede auf einer Kundgebung in Hamm. Mittlerweile ist er ein im gesamten Bundesgebiet gefragter Redner geworden. Später beginnt er auch selbst Demonstrationen anzumelden oder fungiert als Versammlungsleiter, so z.B. am 18. Februar 2006 in Münster, wo er auch einmal mehr verhaftet wird. Zur Zeit sitzt Krolzig eine halbjährige Haftstrafe ab. Krolzig gehört auch zum Führungskreis des Aktionsbüro Westdeutschland.

Obwohl die Mitglieder der Kameradschaft öfter wechselten, finden sich noch weitere Neonazis, die schon seit Jahren aktiv sind. Da ist zum einen der 19-jährige Christoph Drewer. Auch Drewer darf mittlerweile – sehr zur Belustigung seiner „Kameraden“ und anwesenden Antifas – auf Aufmärschen reden. Manchmal versucht er sich auch als „Einpeitscher“ am Lautsprecherwagen. Drewer ist als Schläger bekannt. Auch er sitzt zur Zeit im Knast (U-Haft), nachdem er auf dem Hammer City-Fest im Mai diesen Jahres mehrere Jugendliche angegriffen hat. Einen verletzte er mit einem Schlagring so schwer, dass dieser einen Jochbeinbruch, eine doppelten Augenhöhlenbruch und eine Kieferprellung erlitt. Der Angegriffene musste mehrere Tage im Krankenhaus behandelt werden.

Ein weiterer Kader der Kameradschaft Hamm ist der 21-jährige Dustin Guske. Er ist verantwortlich für die Websites der Szene. Guske ist schon länger in der Szene aktiv. Er organisierte zusammen mit Holger Frasch den desaströsen Aufmarschversuch 2003 in Neubeckum. AntifaschistInnen unterbanden die Solidariätskundgebung mit dem irakischen Diktator Saddam Hussein. Guske gilt in der Szene als Maulheld und Wichtigtuer. Öfters versucht er sich auf Demos auch mal als Anti-Antifa-Fotograf oder Videofilmer.

Weitere Stammaktivisten der Kameradschaft Hamm sind die Brüder Dennis und Jens Möller (durfte auch schon einmal ans Mikrofon), Markus Nikolaus (Versammlungsleitung am 22. Juni 2006 in Hamm), Steven Nüsken, sowie Daniel Hoffmann. Die Kameradschaft Hamm ist im wesentlichen ein Männerbund: Frauen spielen keine bedeutende Rolle. Das heißt nicht, dass nicht auch Frauen sich ihr zugehörig fühlen oder ihre Inhalte nicht von Frauen vertreten werden. Sie haben lediglich keine wichtigen Positionen inne.

Auch wenn die meisten Aktivisten der jetzigen Kameradschaft Hamm noch relativ jung sind, darf dies nicht über zweierlei hinwegtäuschen: Erstens, dass sie eine aktionistische, gewaltbereite und mit anderen Neonazis bestens vernetzte Kameradschaft ist, die sich zunehmend „professionalisiert“ hat. Zweitens, dass sie überzeugte Nationalsozialisten sind und daraus auch keinen Hehl machen.

Zudem sind die älteren Kameraden nicht komplett von der Bildfläche verschwunden. Sie sind lediglich etwas in den Hintergrund getreten und sind nicht so aktions-orientiert wie die Jüngeren. Das junge Durchschnittsalter der Kameradschaft Hamm ist kein Grund Entwarnung zu geben.Es ist ihnen gelungen, Cliquen rechter Jugendliche an organisierte, neonazistische Politik heran zu führen. Es wird ihnen ein umfangreiches Identitätsangebot geboten. Die Betonung gemeinsamer kultureller Elemente schafft ein Zusammengehörigkeitsgefühl über die geteilte politische Einstellung hinaus. Die Öffnung der Neonazis zu verschiedensten Jugendkulturen ist ein attraktives Angebot. Es ermöglicht Jugendlichen sich in neonazistischen Kreisen zu engagieren ohne den für einige unattraktiven Lebensstil eines Skinheads übernehmen zu müssen. Eine ausgefeilte politische Strategie ist aber nur schwer zu erkennen.

Die Hammer Neonazi-Szene gehört zu einer der aktivsten in NRW. Ihr Ansehen bei anderen organisierten Neonazis ist stetig gewachsen. Vor allem Sascha Krolzig ist auch überregional ein bedeutender Kader und gefragter Redner geworden, der – so scheint es – weiter Karriere am rechten Rand der Gesellschaft machen wird. Zur Zeit ist es nach der Inhaftierung zweier Hauptprotagonisten in Hamm merklich ruhiger geworden. Es bleibt abzuwarten, ob dies so bleibt.

Neben der Kameradschaft Hamm existieren in Hamm weitere Nazi-Kameradschaften oder neonazistische Cliquen. Fast alle haben mehr oder weniger aktuelle Websites. Der Großteil der nach Außen wahrnehmbaren Aktivitäten geht aber weiterhin von der KSH und ihrer Kader aus. Viele der unten aufgeführten Gruppen haben mehr den Charakter von Cliquen oder Freundeskreisen, die sich einen „politischen Touch“ geben.

Infoportal Hamm

Die von Dustin Guske betreute Website soll laut eigenem Anspruch der Informationsverbreitung in der Szene dienen. Allerdings wird sie dem nicht gerecht. Lediglich das angeschlossene Forum war von Bedeutung. Nach einem antifaschistischen Hack wird dieses aber kaum noch benutzt. Zur Zeit sind die Aktivitäten des Infoportals eingeschlafen. Guske ist ebenfalls Mitglied der KSH. Neben dem Infoportal Hamm betreut Guske noch eine Vielzahl weiterer Websites, u.a. Demo-Sonderseiten für Hamm oder Gütersloh.

Sturm Werries

Im Hammer Stadtteil Werries ist der so genannte Sturm Werries angesiedelt, der auch eine eigene Website betreut, die vor allem Pressemitteilungen der Polizei abdruckt, welche die angeblich besondere Kriminalität von Ausländern beweisen sollen. Werries ist schon seit vielen Jahren ein Stadtteil mit rechten Jugend-Cliquen. Lange Jahre trafen diese sich auf dem Schützenplatz oder in der Kneipe „Zum Schützeneck“. In Hamm-Werries befindet sich auch die Eishalle. Seit Ende der Neunziger Jahre besuchten Neonazis regelmäßig Spiele der Eishockeymannschaft „Hammer Huskies“. Dort kam es auch immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Der Sturm Werries rekrutiert sich vor allem aus älteren Szene-Mitgliedern und tritt öffentlich kaum in Erscheinung.

Fraktion West

Ebenfalls im Hammer Raum angesiedelt, ist die Fraktion West. Auf der eigenen Website finden sich vor allem Berichte über Demonstrationen oder Konzertbesuche. Wahrnehmbare politische Aktivitäten gehen von der Gruppe nicht aus.

Kameradschaft Hans-Ulrich Rudel

Außerdem existiert noch eine Kameradschaft Hans-Ulrich Rudel um den 19-jährigen Liedermacher Andreas Reinhard Beyer. Die Kameradschaft ist eng mit dem West-Versand des 20-jährigen Holger Frasch verbunden. Mit den Kadern der Kameradschaft Hamm liegt man allerdings in Streit: Diese werfen Beyer vor, „Kameraden“ an die Polizei verraten zu haben. Die Kameradschaft ist deshalb auch nicht mehr Teil des Kameradschaftlichen Bündnis Hamm. Der Name der Gruppe bezieht sich übrigens auf einen faschistischen Luftwaffe-Flieger.

Freie Hammer Nationalisten

Ebenfalls ein Papiertiger sind die Freien Hammer Nationalisten. Von ihnen gehen aber keinerlei politische Aktivitäten aus. Sie kriegen es manchmal noch nicht einmal auf die Reihe, die Aufmärsche in Hamm, geschweige denn die Kameradschaftsabende des Bündnisses zu besuchen – sehr zum Missfallen der KSH-Kader. Die Gruppe ist teilweise identisch mit einem größeren Freundeskreis von rechten Jugendlichen aus Bockum-Hövel, Werne und Lünen.

Regionale Vernetzung: Das Kameradschaftliche Bündnis Hamm

Im Sommer 2005 gründet sich das Kameradschaftliche Bündnis Hamm (KBH) Das Bündnis soll ein Versuch sein, „alle nationalen Kräfte in Hamm und Umgebung (Stadt Soest, Kreis Unna, Kreis Warendorf)“ zu bündeln, heißt es in der Selbstdarstellung. Folgende Gruppen sind Teil des Bündnis: Kameradschaft Hamm, Infoportal Hamm, Fraktion West, Nationaler Widerstand Warendorf, Kameradschaft Oelde, sowie die NPD-Kreisverbände Unna/Hamm und Warendorf. Für die meisten Aktionen des KBH zeichnet sich aber die Kameradschaft Hamm verantwortlich. Gleichwohl ist eine bessere Koordination untereinander zu bemerken. Der Versuch sich Richtung Münsterland auszudehnen ist aber eher gescheitert. Zwar sind nun auch Gruppen aus dem Kreis Warendorf Teil des Bündnisses, die zwei Aufmärsche Anfang des Jahres in Münster waren Fehlschläge. Große Gegendemonstrationen von AntifaschistInnen und AnwohnerInnen verhinderten sie.

Überregionale Vernetzung; Das Aktionsbüro Westdeutschland

Seit Mitte 2004 gibt es erstmals eine, über einen längeren Zeitraum bestehende, Koordinations- und Vernetzungsstruktur verschiedener „freier Kameradschaften“ in NRW: Das Aktionsbüro Westdeutschland. (AB-West) Den Zweck des Aktionsbüros beschreiben die Neonazis in ihrer Gründungserklärung wie folgt: Es soll helfen „den freien Widerstand in Rheinland-Westfalen zu festigen und regionale Strukturen zu verbessern“ und „ das wichtigste Mittel unseres politischen Ausdrucks, die Demonstrationen und Kundgebungen, gründlich vor- und nachzubereiten.“ Das erklärte Ziel, neonazistische Aktionen zu koordinieren und zu vernetzen, gelang, wenn auch nur zwischen den Mitgliedsgruppen, recht gut. Denn obwohl nur ein kleiner Teil der nordrhein-westfälischen Kameradschaften im AB-West organisiert ist, ist das Aktionsbüro für die meisten Naziaufmärsche in den letzten Jahren verantwortlich. Allerdings beschränken sich diese bis jetzt vor allem auf die Städte/Regionen der Mitgliedsgruppen, vornehmlich das Ruhrgebiet und Rheinland. Führender Kopf des Aktionsbüro ist der 23-jährige Axel Reitz aus Pulheim bei Köln. Reitz muss zur Zeit eine 33-monatige Haftstrafe absitzen. Sowohl die Kameradschaft Hamm, als auch das Infoportal Hamm sind Teil des AB-West. Ebenfalls Teil des AB-West sind die Kameradschafts-Strukturen aus Dortmund, zu denen seit jeher gute Kontake gepflegt werde
NPD und Kameradschaften: Schulterschluss der Neonazis

Neben den Kameradschaften existiert in Hamm auch die Nationaldemokratische Partei Deutschland (NPD). Der NPD Kreisverband Unna/Hamm war viele Jahre nur sporadisch aktiv. Dies sollte sich 2005 ändern. Die extrem rechte Partei kandidierte sowohl zur Landtags- als auch zur Bundestagswahl. Unterstützt wurde sie dabei von Mitgliedern der Kameradschaft Hamm. Sie verteilten Flugblätter und CD`s vor Schulen oder halfen bei Infoständen in der Innenstadt. Zum offenen Schulterschluss der beiden neonazistischen Gruppierungen kam es dann im September. Die NPD unterstützte die Demonstration „Linksbündnis abschalten“. Im Gegenzug konnte sie den grünen VW-Bulli, welcher der Kameradschaft als Lautsprecherwagen dient, zu Wahlkampfzwecken nutzen. In der letzten Woche vor der Wahl fuhr der Wagen durch den Kreis Unna und Hamm. Dröhnende Durchsagen und das Geplärre von Neonazi-Liedermachern sollte die Bevölkerung aufrufen für die Nazi-Partei zu stimmen. Artig bedankt sich die NPD nach der Wahl für die Unterstützung

: Die Rechte in der Region halte zusammen, ist im Gästebuch des Kameradschaftlichen Bündnis Hamm zu lesen. Auch finanziell greift die NPD den „Kameraden“ unter die Arme. So wurden die Anwaltskosten von Sascha Krolzig vom NPD KV Unna/Hamm bezahlt.

Das Geschäft mit dem rechten Lifestyle: Der West-Versand

Ansässig in Hamm ist der ursprünglich aus Beckum stammende West-Versand, für den sich der 19-jährige Holger Frasch verantwortlich zeigt. Hier können sich heimische wie auswärtige „Kameraden“ den rechten Lifestyle zulegen. Das Angebot im Online-Shop des West-Versand ist beachtlich Hier kann so ziemlich alles gekauft werden, was das Herz eines jeden Neonazi höher schlagen lässt: T-Shirts, Aufnäher und Buttons mit politischen Motiven, Kissen mit einer Karte des Deutschen Reiches als Aufdruck, Sturmhauben, Bomberjacken, Basecaps und eine große Auswahl an Rechtsrock. Fast 300 verschiedene Tonträger sind in der Liste des Versands aufgeführt. Neuerdings führt der Versand auch eine „Revolutions Kollektion“. „Es ist an der Zeit dem Markenklamottentreiben eine Absage zu erteilen. Es ist schön und gut mit anzusehen, wenn wir uns gegenseitig unterstützen, indem wir den Geldkreislauf in unseren Reihen belassen, doch es darf kein Wucher entstehen“, heißt es in antisemitischer Zuspitzung in der Selbstdarstellung. Dass der Gewinn allerdings in die Bewegung fließt, und nicht in die Taschen von Frasch, darf bezweifelt werden, trotz „Wucher“-Preisen. Ein T-Shirt der Kollektion kostet nämlich stolze 22,50 Euro. Zudem versucht sich der Versand auch als Label und hat als erste Produktion eine (selbst gebrannte) CD des Balladensängers Andreas Reinhard mit dem Titel „In die Offensive“ veröffentlicht. Hinter diesem Liedermacher verbirgt sich der Hammer Andreas Reinhard Beyer.

Mit dem KBH liegt der West-Versand im offenem Streit. Nach mehrmaligen antifaschistischen Hack-Angriffen hatte der Versand seine Sicherheitslücken nicht geschlossen. Mehrere hundert Adressen von Kunden gelangten so an die Öffentlichkeit. Kritisiert wird zudem, dass Frasch sich an dem Versand persönlich bereichere.